Auf ewig unvollendet – April 2024

Diese Kurzgeschichte aus der Ich-Perspektive zeigt die Zerrissenheit und den Kummer einer zurückgebliebenen Mutter und ihr Hadern selbst mit Dingen, die nie unter ihrer Kontrolle waren.

Wie lebendig sie war. Ich kann ihr Lachen hören. Es steckt in meinen Ohren, als hätte es sich dort festgebissen. Selbst heute kann ich es noch hören.

Wenn ich durch die geschlossene Terrassentür sehe, in den verwaisten Garten, die Reste des Sandkastens, sehe ich sie spielen. Höre ihre lauten Selbstgespräche, den vorwurfsvollen Ton in ihrer Stimme, wenn der Sand nicht so mochte wie sie. Ich höre ihre Rufe, wenn ich kommen und mir anschauen sollte, was sie gebaut hatte. Ich sehe die Regentropfen, die auf ihr Haar und ihre Jacke trafen, und wie sie unbekümmert davon weitermachte, als wäre es nicht wahr. Als wäre der einsetzende Regen nur ein Gerücht.

Ich sehe die Spuren auf dem Laminat, die sie mit ihren kleinen Gummistiefeln hinterließ, als sie irgendwann völlig durchnässt hereinkam. Ich rieche den Geruch in ihren Haaren, wenn ich sie danach mühsam in die Badewanne gesetzt und ihr die Haare gewaschen hatte. Und ich höre ihre Stimme, wenn sie mir erzählte, was sie alles gebaut hatte und was sie sich vorgenommen hatte, am nächsten Tag zu bauen. Ich spüre ihre Energie, die Lebensfreude, das warme Gefühl in mir und die Freude darüber, dass meine Tochter so viel Leben ins sich trägt.

Ich erinnere mich an einen Tag, als sie von meinem Bruder Thomas nach Hause kam. Wie aufgeregt sie war, was sie alles gemacht hatten und was er alles besaß. Der große Fernseher, die Eisenbahn im Gästezimmer, die vielen Videospiele und all das Eis im Kühlfach.

Der Wohnzimmerschrank voll Schokolade, im Eisschrank ganz viel Pizza und die große Sammlung Kuscheltiere, die er über die Jahre zusammengetragen hatte. Ich höre ihre Stimme, wie sie voll Überzeugung behauptete, Thomas wäre der beste Onkel der Welt. Und ich erinnere mich, wie stolz ich auf meinen älteren Bruder war.

Mein Blick streift langsam durch den Garten, betrachtet Relikte der Vergangenheit. Durch die Scheibe erkenne ich Umrisse des verfallenen Sandkastens, sehe das Holz, morsch und verwittert, die rostigen Reste der Kinderschaukel. Die Farbe größtenteils abgeblättert, wirkt sie wie ein Mahnmal aus längst vergangenen Tagen. Die Haare auf meinen Armen stellen sich auf, ich umklammere mich selbst. Wo bist du hin?

Ich erinnere mich, als das Lachen weniger wurde. Es begann langsam. Die Trennung von Ben war schwierig gewesen, sie hatte uns allen viel abverlangt und ich erinnere mich, wie Lisa immer wieder nach ihm fragte. Ich kann ihre Stimme hören, wie doof alles ist und dass bei Papa alles viel schöner sei. Ich höre, wie sie die Tür zuschlägt und Sachen durch die Gegend wirft. Und ich höre ihr Weinen, manche Nacht in der folgenden Zeit. Ich sehe die Bilder in ihrem Zimmer, die sie gemalt hat, ihre Kleidung überall verstreut und die Kuscheltiere, denen sie Hände oder Köpfe abgeschnitten hatte.

Und ich sehe mich, wie ich überfordert schimpfte und weinte und nicht verstand, warum sie so ist. Ich erinnere mich an Thomas, der mir Mut zusprach und anbot, auf Lisa aufzupassen. Ich sehe seine Augen, wie er mir zuzwinkert und verspricht, alles wird gut. Ich sehe Lisa, wie sie zu ihm ins Auto steigt und spüre, wie froh ich war, ihn zu haben. Ich sehe den Konferenzraum, in dem wir uns mit Anwälten getroffen haben und rieche Bens Parfum, das er extra aufgetragen hatte. Ich erinnere mich an alle Streitpunkte und daran, dass ich bei all den Dingen nur an mein Kind dachte.

Mein Schluchzen durchbricht die Stille. Die Hand auf meinem Mund zittert, während Verzweiflung durch mein Innerstes kriecht. Wo bist du hin? Neben den Resten des Sandkasten liegen Formen, verblichenes Gelb der Vergangenheit. Ein Stück weiter ein Ball, halb in sich zusammengefallen.

Ich sehe, wie sie ihm hinterherläuft, mit ihren nackten Füßen. Wie sie ausholt und über ihn stolpert. Ich höre ihre Schreie und spüre das Entsetzen, das ich fühlte, als ich diese Schreie hörte. Ich sehe mich, wie ich sie ins Haus trug und lange im Arm hielt, bis sie ruhiger wurde. Ich erinnere mich an die Zeit danach, als die Scheidung Bestandskraft erlangte.

Wie erschöpft ich war, als ich von der Arbeit kam und wie wenig Kraft ich hatte, sie aufzufordern, ihr Zimmer aufzuräumen oder ihre Hausaufgaben zu machen. Ich sehe die Zeit vergehen und ihre Kleidung, die immer weniger Buntes an sich trug. Ihr Lachen, das immer weniger wurde. Ich höre die Stille bei unseren Abendessen, wenn sie kein Wort hervorbrachte. Und ich sehe ihre Schminke, die eines Tages schwarz war. Ich höre meine Worte, wenn ich sie danach fragte, und sehe ihre Augen, die mich ausdruckslos anblickten. Ich spüre das Gefühl von damals ganz deutlich, wie ich müde und überfordert nicht wusste, was ich tun sollte.

Die Zerrissenheit in mir zwischen Arbeit, Ben und Lisa. Die Schuldgefühle, die ich spürte. Ich erinnere mich, wie ich vorschlug, zur Jugendtherapie zu gehen, und anbot, mitzukommen. Und ich erinnere mich, wie sie schimpfte und mir vorwarf, ich hielte sie für einen Freak. Ich kann ihre Kleidung sehen, die immer löchriger wurde, weil sie überall mit der Schere etwas herausgeschnitten hatte, und erinnere mich, dass ihre Fingernägel irgendwann schwarz lackiert waren und es blieben.

Ich höre meine Worte, als ich Ben bat, bei ihren Wochenenden mehr auf sie einzuwirken und wie er sagte, es würde sich schon geben. Ich sehe mich vor dem Spiegel stehen und mit Besorgnis meine dunkler werdenden Augenhöhlen betrachten, während in mir die Frage wütet, ob alles meine Schuld ist. Ich spüre Tränen über meine Wangen laufen und die Furcht vor der ewigen Verdammnis, die ich für mich fast schon als sicher erachtet hatte.

Ich blicke durch die Terrassentür, die Hand auf den Mund gedrückt. Sandkasten, Ball, Schaukel. Geisterhafte Schemen in kaltem Blau, eingeladen von den Tränen meiner Augen. An meinem Kehlkopf drückt und pocht ein Monster und ich kann die Kälte um mich schleichen spüren. Wo bist du hin?

Ich kann mein Smartphone klingeln hören und die Worte, die mir einen Dolch durchs Herz treiben. Ich sehe mich auf die Knie fallen und spüre, wie es mich innerlich zerreißt. Ich kann die Hand meiner Kollegin spüren, die an meine Schulter fasst, und ihre Worte hören, die fragen. Ich sehe meinen Chef, wie er mich aufhält, während er sagt, dass ich so ganz sicher nicht fahren werde.

Und ich erinnere mich, als er während der Fahrt versuchte, mir Mut zu machen. Dass es vielleicht ein Versehen sei, eine Verwechslung oder ein Irrtum.

Ich spüre mein Herz, als es zerbrach, und das Gefühl, es wäre auch mein Ende, als du bleich wie Kalkruinen vor mir lagst. Auf dieser Bahre. Ich sehe dich vor mir und spüre die Leere unter meinen Füßen, als ich das Gefühl hatte, hinab in die ewige Dunkelheit zu stürzen. Während mein Geist verzweifelt nach einer Möglichkeit suchte, die Wunden an deinem Handgelenk zu heilen. Wo bist du hin?

Ich erinnere mich nicht, was danach geschah, aber weiß noch, dass ich irgendwann zu Hause war und Ben kam. Ich sehe seine Augen, seinen Gesichtsausdruck, und dachte damals, dass uns der Teufel einst persönlich begrüßen würde. Ich war mir sicher, dass wir für immer verdammt und für ewig der heißen Glut der Hölle gehören würden.

Ich erinnere mich, dass die Polizei in Lisas Zimmer wollte und kann den Zettel sehen, den der Polizist in seinen Händen hielt, als er die Treppe runterkam. Das Bild seines Gesichtsausdrucks ist für ewig auf meine Hornhaut gebrannt, ich sehe ihn vor mir, als würde es jetzt passieren. Ich sehe Ben, wie er das Stück Papier nimmt und kurz darauf alle Farbe sein Gesicht verlässt, und höre mich, wie ich darauf bestehe zu erfahren, was das ist. Ich sehe so deutlich vor mir, wie sie alle versuchen, mich von diesem Zettel fernzuhalten und spüre die Verzweiflung, die mich antrieb, auf der Suche nach der Wahrheit. Ich kann mich kaum erinnern, wie ich es geschafft habe, aber Lisas Handschrift auf dem Stück Papier sehe ich vor mir wie die Verkündigung des Endes aller Dinge.

Im Heulen und Schluchzen höre ich den Wind rastlos um das Haus jagen. Es ist, als sänge er ein Lied. Ein ewig dauerndes Lied. Und immer wieder und immer wieder …

Lisa wollt’ nur spielen, doch Thomas Hosen fielen, jetzt sind beide im Loch, und schuld bist du doch! …

Kraft verlässt meine Beine, hilflos sacke ich auf die Knie, den Kopf ans Glas gedrückt. Meine Arme umklammern mich fest, halten und drücken mich, wie ich dich gerne halten würde. Ich spüre mein Herz, wie es unter der Last schier zerreißt, und ich spüre die pulsierende Verzweiflung überall in mir wüten.

Wie lebendig du warst. Ich kann dein Lachen hören. Es steckt in meinen Ohren, als hätte es sich dort festgebissen. Selbst heute kann ich es noch hören. Wo bist du nur hin?

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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Marion Schreiner

    Und schon wieder eine extrem berührende Geschichte. Wirkt lange nach … Toll geschrieben. Ich hatte das Gefühl, als würde mich die Geschichte beim Lesen einsaugen. Sehr guter Aufbau! Klasse.

    1. marco

      Ich danke dir, Marion. Es ist immer eine Freude, wenn ich meine Leser mit auf eine Reise nehmen kann, wohin auch immer sie führt.

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