Der Pinali-Konflikt – August 2022

Captain Rauch präsentiert eine Parodie von Enterprise – the next Generation zum Thema „Sturm im Wasserglas“

Computerlogbuch der Schreiblust, Captain Marco A. Rauch. Sternzeit 53247,6. Wir sind ins Verenti-System beordert worden, um die Ereignisse auf einem der bewohnten Planeten zu beobachten. Das Volk der Pinali, eine Prä-Bob-Spezies, führt seit einiger Zeit kriegerische Auseinandersetzungen, bei der alle fünf Kontinente beteiligt sind. Es ist ein Weltkrieg mit ungewissem Ausgang, der einzig auf dem Konflikt fußt, Gendern ja oder nein. Unseren Beobachtungen zufolge stehen Vertreter aller Kontinente gerade in diplomatischen Verhandlungen, während die Kämpfe teilweise weitergehen.

Die Türen des Turbonosters öffnen sich mit einem leisen Zischen, der Captain betritt die Brücke. »Mr. Daytag, Bericht.« Rauch nimmt auf seinem Kommandostuhl Platz.

Der Android Daytag wirkt äußerlich wie ein Mensch, lediglich die Oberfläche seines Körpers ist fast weiß, was seine gelbe Augenfarbe noch stärker hervorhebt. »Captain, die Vorwarnstufe wurde soeben auf Rot gesetzt. Unsere Sensoren zeigen massive Energiefluktuationen in den Netzwerken der Raketensilos. Einige Waffen wurden aktiviert. Es ist fast, als würden schwer bewaffnete Heere auf den Feldern der antiken Schlachten aufeinander zu rennen.«

Captain Rauch hebt eine Augenbraue und sieht zu Daytag. »Seit wann sind sie so metaphorisch?«

Daytag überlegt eine Nanosekunde, dann erwidert er: »Ich lese momentan viel über diese Epoche der Erde. Vielleicht sollte ich meinen Emotionsstick vorläufig entfernen.«

»Machen Sie das.« Rauch aktiviert den implantierten Kommunikator mit einem Tippen an seine Schläfe. »Brücke an Maschinenraum.«

»Neumann hier.«

»Björni, wie ist der Status der Schildmodulation?«

»Captain, die Funkinterferenzen des Planeten bereiten uns nach wie vor Sorge, wir sollten den Abstand vergrößern, um unsere Tarnung nicht zu riskieren. Im Moment sehen wir aus wie ein Satellit. Ich sähe mich ungern in einem Fischbrötchen. Das Eindämmungsfeld des Bobantriebes fluktuiert ebenfalls.«

»Verstanden, Björni. Steuermann, bringen Sie uns in einen höheren Orbit.« Der Steuermann nickt und führt den Befehl aus.

Kurz darauf öffnen sich die Türen des Turbonosters, Chefarzt Dr. Bernd Kleber betritt die Brücke mit Counselor Maria Lehner. Maria entstammt dem Volk der Bécsizoiden. Sie sehen wie Menschen aus, verfügen jedoch über die Fähigkeit, Gefühle anderer Lebensformen zu erspüren. Sie nennen sich selbst Empathen und leisten als Seelsorger wertvolle Dienste an Bord.

»Marco, was passiert da unten?« Der Doktor ist sichtlich besorgt.

Rauch sieht einen Moment zu ihm, dann dreht er seinen Kopf nach vorne und antwortet: »Sie verhandeln miteinander, einige der Kämpfe gehen dabei weiter.«

»Warum stehen wir nur rum? Wir können helfen. Die Krankenstation ist einsatzbereit.«

»Berndi, Sie kennen das Schrötersche Dings. Wir dürfen nicht in das Schicksal fremder Völker eingreifen.«

»Sie meinen das Manifest?«, fragt Daytag.

»Manifest, ja. Das Wort entfällt mir immer.«

»Ach, Schrötersches Manifest, wie viele Bewohner hat der Planet?« Bernd wirkt angespannt.

»2.342.926«, antwortet Daytag wie aus der Pistole geschossen.

»Und die wollen wir alle sterben lassen?« Bernd wirkt entsetzt.

Der Captain wendet sich noch einmal an ihn. »Nach den neuesten Berichten der Außenteams ist die Lage nicht hoffnungslos. Wir müssen hoffen, dass die Diplomatie erfolgreich sein wird. Daytag, Bericht.«

»Keine Veränderung, Sir.«

»Nummer fünf, Sie haben die Brücke.« Der Captain erhebt sich, gibt Dr. Kleber Zeichen, ihm zu folgen. Beide gehen in den Bereitschaftsraum im Bereich neben der Hauptbrücke. Counselor Lehner folgt ihnen. In der Zwischenzeit hievt sich der Roboter Nummer fünf auf den Kommandostuhl des Captains und ruft: »Brauche Input!«

»Counselor, was fühlen Sie? Was geht da unten vor?«, fragt Rauch.

Maria schließt die Augen, hebt ihre Hände leicht und versucht, die unterschiedlichen Emotionen auf dem Planeten wahrzunehmen. »Ich spüre Angst, Trauer, Schmerz. Die meisten Lebewesen dort unten leiden unter den Umständen. Aber ich fühle auch leichten Optimismus sowie die Wut einiger weniger. Und die sind zu allem bereit.«

»Marco, wir müssen etwas unternehmen!« Dr. Kleber ist aufgebracht, versucht den Captain umzustimmen.

Der sieht zu ihm und sagt in ruhigem, nachdenklichem Ton: »Unsere Aufgabe ist, zu beobachten. Wir dürfen nicht eingreifen.«

»Erinnern Sie sich noch, als wir in die Vergangenheit flogen, um Safran Kochhuhn und das Bobschiff zu retten?« *

»Das war etwas völlig anderes«, erwidert der Captain barsch. Er will das Thema abwürgen.

»Moment mal, wollen Sie damit etwa andeuten, wir dürfen gegen das Manifest verstoßen, wenn es um uns geht, aber die Pinali lassen wir sterben?« Dr. Klebers Wiederworte waren für den Captain schon immer eine emotionale Herausforderung. Die beiden stehen sich sehr nahe, dennoch muß die Hierarchie an Bord gewahrt bleiben. Entsprechend laut antwortet Rauch.

»Die Sorg waren damals im Begriff, die Vergangenheit zu ändern. Sie sind in die Vergangenheit geflogen, um die Menschheit zu assimilieren. Das war kein Verstoß gegen das Schrötersche Dings, denn es war bereits geschehen. Wir waren geschehen. Wir haben lediglich verhindert, dass die Sorg etwas an der Zeitlinie ändern. Aber das hier, das geschieht jetzt. Hier greift das Schrötersche Dings, hier dürfen wir nicht eingreifen!« Rauch sieht mit mahnendem Blick zum Doktor, der zerknirscht dreinschaut. Kurz darauf hebt Bernd seinen Kopf und ruft: »Aber ich kann doch nicht einfach rumstehen und nichts tun, das ist falsch, Marco. Das ist falsch!«

»Berndl, unsere Befehle sind eindeutig. Wir greifen nicht ein!« Rauch steht auf, zieht das Oberteil seiner Uniform im Bauchbereich ruckartig glatt und verlässt den Bereitschaftsraum.

»Er hat recht, Doktor.« Counselor Lehner legt ihren Arm auf die Schulter des Doktors, beide sehen sich in die Augen. »Es ist falsch, Maria. Es ist falsch. Manchmal hasse ich das Schrötersche Dings.«

Die beiden sehen sich noch einmal an, dann seufzt Counselor Lehner und sagt: »Ich weiß.«

Dann verlassen sie den Bereitschaftsraum des Captains und die Brücke.

»Captain, ich empfange Startsignale!«, ruft Daytag.

»Bericht.«

»In der südlichen Hemisphäre sind soeben zehn Atomraketen gestartet, sie nehmen Kurs auf das westliche Territorium.«

Captain Rauch tippt an seine Schläfe. »Brücke an Transporterraum eins, beamen Sie die Außenteams hoch. Mr. Daytag, auf den Schirm!«

Eine Aufnahme der Flugbahn erscheint auf dem großen Ereignisschirm der Brücke. In einiger Entfernung ist zu sehen, wie weitere Raketen aufsteigen, diesmal vom westlichen Kontinent. Kurz darauf starten Flugkörper vom südlichen Gebiet in Richtung Osten und nur wenig später verlassen über 30 atomare Gefechtsflugkörper den östlichen Bereich in Richtung Norden, Süden und Westen. Das Bild schwenkt um auf die orbitale Sicht. Nacheinander verursachen die Detonationen sich schnell vergrößernde lodernde Flächen. Auf der Brücke herrscht totenstille. Kaum einer wagt zu glauben, was dort unten geschieht. Es gibt kaum einen Bereich der Planetenoberfläche, der nicht aus Feuer zu bestehen scheint. Nach wie vor kommen neue hinzu, bis es irgendwann vorbei ist. Die zuvor leuchtenden Punkte und Stränge der Städte und Straßen sind erloschen, einzig die vielen Feuerflächen erhellen den einst blühenden Planeten in den tiefen des Alls.

Captain Rauch ist der Erste, der seine Fassung wiederfindet. Er fährt mit dem Zeigefinger der rechten Hand über den Bereich seiner Oberlippe. »Mr. Daytag, scannen Sie nach Lebenszeichen.«

»Captain, ich empfange schwache Lebenszeichen von allen fünf Kontinenten, mehrere tausend.«

Rauch nickt und tippt an seine Schläfe. »Brücke an Krankenstation, bereiten Sie Außenteams vor, es gibt viel zu tun.«

»Doktor Kleber hier. Captain, Sie wollen doch nicht etwa gegen das Schrötersche Dings verstoßen?«

»Genau das habe ich vor.«

»Das wurde auch Zeit. Kleber Ende.«

***

Privates Computerlogbuch der Schreiblust, Captain Rauch.

Nach Abschluss der Mission habe ich mit Commander Daytag ein Gespräch geführt. Aufgrund seiner manchmal naiven Weltanschauung wurde es fast eine philosophische Unterhaltung, in der wir auch über Sinn und Unsinn des Schröterschen Dings gesprochen haben. Es ist klar, dass wir Regeln innerhalb der Strickgemeinschaft der Planeten und der Raumflotte brauchen, die für alle gelten. Aber selbst ich bin diesmal deutlich an meine Grenzen gelangt. Über zwei Millionen Tote und wir durften nicht eingreifen. Zumindest konnten wir einige Tausend retten, aber dafür werde ich mich vor dem Flottenkommando verantworten müssen.

Daytag hat während unseres Gesprächs Überlegungen angestellt, was Mr. Speck wohl zu Captain Dirk bezüglich des Schröterschen Dings gesagt hätte. Was dabei herauskam, beschäftigt mich noch immer. Bei den Hunderten uns bekannten Spezies überall im Weltraum und den vielen, die wir noch nicht kennen, ist da das verschwinden von nur einer überhaupt von Bedeutung? Wäre es nicht viel logischer, dieses Ereignis im galaktischen Maßstab zu betrachten? Als eine Art … evolutionärer Sturm im Wasserglas? Im Vertrauen auf die Natur, dass diese Spezies noch nicht reif für den nächsten Schritt der Evolution war?

»Transporterraum eins an Captain Rauch.«

»Sprechen Sie.«

»Lieutenant Muhi hier. Captain, ich konnte noch rechtzeitig alle zwei Millionen Bewohner aufs Münchner Oktoberfest beamen. War also nur ein Erdbeben im Wasserglas.«

»Sie meinen Sturm?«

»Na, der Planet hat doch gebebt, oder?«

»Dafür bebt jetzt die Wies‘n. Gut gemacht. Rauch Ende.«

Privates Computerlogbuch der Schreiblust, Captain Rauch, Nachtrag

Die bayrische Art der Völkerverständigung auf der Wies‘n hat dazu geführt, dass die Pinali ihren Konflikt beigelegt haben. Sie wollen jetzt gemeinsam ins galaktische Biergeschäft einsteigen und wir werden sie dabei unterstützen. Einen neuen Planeten haben sie bereits gefunden. Sie nennen ihn Hacker-Pschorr.

(* Schreiblust 8 – Der erste Kontakt)

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